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Essen


Essen in der Wesermarsch

Rezepte nach alter Überlieferung

(Dat ole Dorp, Geschichten un Riemels up Hoch un up Platt, von Gerd Ripken, 1997)

Jede Landschaft hat ihre Besonderheiten, auch was das Essen anbetrifft. Das war in früherer Zeit noch ausgeprägter als heute, denn die Konservierung der Lebensmittel war schwierig und der Transport über weite Strecken deshalb weder möglich noch üblich. Es kam auf den Tisch, was Land und Garten hergaben und war somit jeweils der Jahreszeit angepaßt. Einige der hier aufgeführten Gerichte waren typisch in der südlichen Wesermarsch. Sie mögen auch anderswo bekannt gewesen sein, aber heute sind sie größtenteils sowohl hier als auch dort kaum noch bekannt.

1. Beestpudding

Beestpudding kann es nur geben, wenn eine Kuh gekalbt hat. Zur Herstellung des Beestpuddings gehört als wichtigster Bestandteil die Biestmilch (plattdeutsch Beestmelk), das ist die erste von einer Kuh nach dem Kalben ermolkene, sehr fett- und zuckerhaltige Milch. Von dieser Milch bekommt zunächst das neugeborene Kalb zu trinken. Ist dann noch genügend übrig, kann es Beestpudding geben. Früher war Beestpudding schon etwas Besonderes, denn die Zahl der Kühe war in der Regel bedeutend kleiner als heute. Zehn oder mehr Kühe auf einem Bauernhof waren schon eine Ausnahme. Außerdem war die Beestmelk nicht immer für Beestpudding geeignet. Sie durfte weder rötlich-blutig noch zu dünn sein.

Rezept:
¾ l Biestmilch – oben abnehmen – mit 1 Pfund Mehl, 1 Paket Backpulver so verrühren, daß es dickflüssig bleibt. Zutaten: 1 Vanillezucker, ½ Zitrone, 100 g Zucker sowie etwas Zimt und Salz. Die Kuchenform einfetten und mit Zwiebackmehl einstreuen. 2 bis 3 Stunden im Wasserbad kochen. Der Pudding wird in Scheiben serviert und mit angedicktem Fruchtsaft übergossen.

2. Rulken

Rulken waren allgemein bekannt und wurden auf vielen Bauernhöfen nach speziellem Rezept hergestellt. Die wichtigsten Bestandteile waren Rindfleisch und Reis.

Viele Bauern ließen zum Ende der Weideperiode, etwa Anfang bis Mitte November, ein Rind schlachten. Wer nicht selber schlachtete, kaufte ein halbes oder ein viertel Rind von einem Nachbarn oder vom Schlachter.

Rulken wurden sauer „eingelegt“. So erhielten sie ihren besonderen Geschmack und wurden haltbar. Die Haltbarkeit war aber begrenzt. Spätestens zu Weihnachten oder Sylvester mußten sie gegessen werden. Auf den Bauernhöfen galten sie als ein Festessen und wurden insbesondere vom Gesinde sehr geschätzt.

Rezept:
2 Teile Rindfleisch, 1 Teil Schweinefleisch, auf 20 bis 25 Pfund Fleisch, ein gehäufter Teller Reis; Salz und Pfeffer zum Abschmecken. Das Fleisch durch eine grobe Scheibe drehen; den Reis in Brühe aufquellen, abkühlen lassen und zum Fleisch geben; abschmecken und in Pansen oder Pergament füllen; in Buttermilchsmolke oder Essigwasser legen. Zum Verzehr in Scheiben schneiden, panieren und braten.

3. Hack und Blutballen (auch Knipp und Blutwurst genannt)

Schweine wurden früher nicht nur auf den Bauernhöfen, sondern auch in den meisten anderen ländlichen Haushalten gemästet. Geschlachtet wurde in den Wintermonaten. Da es noch keine Gefrieranlagen oder Gefrierschränke gab, wurden Fleisch, Speck und Wurst durch Räuchern, Pökeln und Einkochen haltbar gemacht. Trotzdem war die Haltbarkeit – besonders bei Hack und Blutwurst – begrenzt. So kam nach dem Schlachttag in der Regel täglich zum Frühstück Hack auf den Tisch. War dieses nach ca. 14 Tagen verbraucht, folgte die Blutwurst, solange der Vorrat reichte. Beides wurde in der Pfanne erwärmt, besonders Hack dabei leicht angebraten.

Hack aß man zu ienem Stück Schwarzbrot oder zu Bratkartoffeln. Blutwurstscheiben schmeckten besonders gut, wenn sie mit etwas Zucker bestreut oder mit Sirup, Honig oder Marmelade bestrichen wurden.

Es war auch üblich, Blutwurstscheiben zusammen mit Hack zu braten.

Zubereitung von Hack Auf 1 kg Hafergrütze kommen 4 bis 5 l Brühe von durch den Fleischwolf gedrehtem Wellfleisch nebst Wurst- und Schwartenresten. Langsam gar kochen, abschmecken mit Salz und Schlachtgewürzen, in flache Schüsseln oder Steintöpfe füllen; im offenen Topf auskühlen lassen; zum Verzehr in Scheiben schneiden und braten.

Zubereitung von Blutballen Blut, durchgedrehte Lunge, Abfallfleisch und Fettreste, Nelkenpfeffer, Salz und grobes Roggenmehl vermengen.

Die Menge muß dick und steif sein. In Papierdärme füllen 1 bis 2 Stunden schwach kochen; auskühlen lassen und kühl lagern. Zum Verzehr in Scheiben schneiden und braten.

4. Jan in’n Sack

Jan in’n Sack ist ein Gericht aus Reis und Rosinen, verfeinert mit Zucker und Zimt. Es wurde unabhängig von der Jahreszeit zu besonderen Anlässen serviert. Woher der Name kommt, läßt sich nicht mehr genau feststellen. Vermutlich war mit dem Sack der Leinenbeutel gemeint, in dem der Reis gegart wurde. In Stedingen nannte man ein ähnliches Gericht, nämlich Reis mit getrockneten Pflaumen „Jan in’n Hemd“. (Der dröge Jan – Trockenpflaume - im weißen Hemd)

Zubereitung
Reis und Rosinen mit etwas Zucker und Stangenkaneel in Wasser vorquellen und in einem Leinenbeutel über Wasserdampf ca. 1 Stunde gar kochen. Zum Essen mit Zucker und Zimt bestreuen.

5. Birnen- oder Duffkuchen

Früher wurde Wert darauf gelegt, eigenes Obst zu haben. In den Gärten wuchsen neben frühen Augustäpfeln und vielen anderen Apfelsorten bis hin zum spätreifen Boskop auch verschiedene Sorten Birnen. Wir hatten zum Beispiel einen großen Birnbaum, dessen kleine, wenig haltbare Früchte wir auf plattdeutsch „Ködelbeeren“ nannten. Wenn sie Ende August reiften und schnell verwertet werden mußten, war die Zeit für einen Birnen- oder Duffkuchen gekommen. Der Baum trug fast in jedem Jahr sehr reichlich. Die Birnen wurden nicht gepflückt, sondern vom Baum geschüttelt, wenn sie nicht von selbst herunterfielen. So mancher volle Korb ging zu Nachbarn und Bekannten, denn auch bei ihnen war der Duffkuchen sehr beliebt.

Zubereitung
Die Birnen gut säubern und in Viertel schneiden. Den Kochtopfboden reichlich mit Scheiben von gestreiften Speck auslegen. Darauf die Birnen mit etwas Wasser, Zucker und Stangenkaneel geben. Den vorbereiteten Hefeteig auf einen gefetteten Teller legen, auf die Birnen setzen und miteinander gar kochen. Dabei den Topf gut verschließen, nötigenfalls den Deckel mit einem Tuch umbinden. Zum Essen wird der Kuchen auf einem Teller zerteilt. Die Birnen dickt man etwas an, füllt sie in eine Suppenschüssel und serviert beides miteinander.

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